Ein Rundgang durch die fünf Standorte der Langen Nacht der Wissenschaft

„Es geht darum, neugierig zu werden, selbst zu forschen, Denkanstöße zu geben und vor allem zu zeigen: Wissenschaft und Bildung haben nicht nur Zukunft, sondern machen auch Spaß.“ Es sind treffende Worte, die der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank der ersten Langen Nacht der Wissenschaft vorausschickt. Auf der Bildungsfähre der Stadt Konstanz begrüßt er deren erste Gäste, denen in derselben Nacht noch tausende nachfolgen werden.
Die Bildungsfähre im Konstanzer Hafen ist einer der fünf besonderen Standorte der Großveranstaltung; ein schwimmender Treffpunkt von Wissenschaft und Öffentlichkeit wie auch ein Panoptikum der Spielarten der Energie.

„Da blitzt es, da hinten“, ruft eine Stimme. Menschen steuern auf das mysteriöse Knattern zu – ein Stickstofflaser, wie es sich herausstellen wird – und schlendern entlang an den mannigfaltigsten Apparaturen: von Lichtinstallationen bis hin zu Sportgeräten.
Die großen und kleinen Besucher werfen Propeller mit Kurbeln an, fotografieren Gerätschaften und diskutieren über Erfindungen, während sich Kinder Ruderwettbewerbe in real und doch auf der Leinwand liefern: Denn auf der Leinwand sehen sie ihre Kraft visualisiert, die sie in das echte Sportgerät stecken – nur eine von vielen Installationen, die ihre Besucher dazu einladen, ihre Kraft und ihr Wissen testen und sich immer wieder zum Staunen bringen lassen.

Schwarze Ledersofas, davor ein Rednerpult und die gebannte Konzentration auf die Wechselworte zwischen der Rednerrunde und ihrem Publikum: Der Dialog zwischen Öffentlichkeit und Energieexperten steht im Zentrum der Podiumsdiskussion an der Universität Konstanz. Die Fachkräfte aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik werfen die Fragestellungen der künftigen Energieversorgung auf, doch vor allem beantworten sie die Fragen ihrer Zuhörerschaft. Was bedeutet der Energiewandel für unseren Straßenverkehr? Sind Elektroautos eine praktikable Lösung? Ist der Handel mit Emissionszertifikaten ein Königsweg oder ein Irrpfad? Welche Herausforderungen birgt eine dezentrale Energieversorgung durch Solaranlagen in der Sahara und Windkraftanlagen an der Nordsee? Und mit welchen Speichertechnologien und intelligenten Netzen können in Zukunft Netzschwankungen der regenerativen Energiegewinnung aufgefangen werden?
In einem sind sich die drei Energieexperten, moderiert von Südkurier-Redakteur Dr. Alexander Michel, einig: „Die Umstellung auf erneuerbare Energien ist die einzige Strategie, die langfristig tragfähig ist – auch volkswirtschaftlich gesehen“, stellt Dr. Joachim Nitsch von der Universität Stuttgart mit Nachdruck fest. Fossile Energiequellen wie Erdgas könnten allenfalls eine Brückentechnologie auf dem Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung sein, führt Politikberaterin Gotelind Alber aus. „Wir sind als Industrie davon überzeugt, dass die Industrie eine Vollversorgung der globalen Energieversorgung mit erneuerbaren Energien zumindest nach 2050 bewerkstelligen könnte“, ergänzt Dr. Winfried Hoffmann, Unternehmensvertreter von Applied Materials Inc. und Vorstandsmitglied der Europäischen Photovoltaik Industrie Vereinigung (EPIA): „Nur im Verbund aller erneuerbaren Energien werden wir dieses Ziel erreichen können. Erneuerbare Energien sind ökonomisch schneller wettbewerbsfähig, als es sich die meisten Leute noch heute vorstellen können.“
Schon mal Segway gefahren? Bei den Stadtwerken bildet sich schon früh am Abend eine kleine Schlange von Interessierten, die auf dem kleinen Parcours das ungewöhnliche Gefährt testen wollen. Bei diesem Elektroroller sind die Räder nicht hintereinander, sondern nebeneinander angebracht. Dazwischen befindet sich eine Plattform, auf der der Fahrer steht, und eine Lenkstange, an der er sich festhält. Die Stadtwerke punkten mit einem kleinen, aber feinen Energie-Angebot, das neben Grillwürsten auch die Möglichkeit umfasst, sich auf einer Hebebühne nach oben befördern zu lassen: zwar nicht ganz über die Dächer von Konstanz, doch zumindest über die der Stadtwerke.
Von ganz oben nach ganz unten: Dass unter der Stadt Konstanz hindurch 210 Kilometer Stromkabel verlaufen, erfahren interessierte Bürgerinnen und Bürger im Umspannwerk Weiherhof, wo allgemein erklärt wird, wie der Strom in die Steckdose kommt. Bei der Gelegenheit wird auch klar, warum ständig Straßendecken aufgerissen werden, um sie anschließend wieder zu schließen: Jedes Jahr müssen bis zu 13 Kilometer Kabel aus Verschleißgründen erneuert werden. Wissenschaftsdiskussion überall, auch in den Bussen der Stadtwerke und an den Haltestellen auf dem Weg zum nächsten Standort der Langen Nacht der Wissenschaft. „Wie war das noch gleich mit den Teleskopen?“ – „Hast du verstanden, wie es geht?“ Die Wissenschaft ist im Gespräch, der Blick der Reisenden der Wissenschaftsnacht richtet sich auf den nächsten Punkt des umfassenden Programms.
Weiter zur HTWG, wo die Besucher von einem einladenden Zelt empfangen werden. Von hier aus werden Technikfreaks und andere, die einfach mal wissen wollen, was in diesen Räumen inmitten des Stadtteils Paradies eigentlich vor sich geht, zu einzelnen Veranstaltungsorten geleitet. Bei solch einem Angebot kann es nicht ausbleiben, dass sich die Highlights gegenseitig Konkurrenz machen. Während die Blitz- und Donnershow wegen großen Andrangs ihre Vorstellung schon beim ersten Mal wiederholen muss, spricht Prof. Josef Wieland von einer ganz anderen Form von Energie – der kriminellen, genauer gesagt der wirtschaftskriminellen Energie. „Normale” Kriminelle seien das nicht nach den Worten des Direktors des Konstanzer Instituts für Wertemanagement. Während er erklärt, wie man als Manager anständig erfolgreich sein kann, ist im Hörsaal auch das vergnügte Kreischen zahlreicher Kinder zu hören. Im Foyer der HTWG und in darüberliegenden Räumen sind für die kleinen Besucher gleich mehrere Stationen eingerichtet, an denen sie sich ausprobieren können. Die XXL-Carrera-Bahn führt indes die Interessen von Groß und Klein zusammen.

Schließlich gibt es noch die literarische Energie. Von ihr handelt der erste Literarische Salon an der Universität Konstanz. Wie sehr Johann Gottfried Herders Worte von der Energie als „oberstem Gesetz der Dichtkunst” zutreffen, belegen vier Vertreterinnen und Vertreter der Kunst-, Kultur- und Wissenschaftszene sowie ein Moderator.
Der Reihe nach:
Barbara Basting, Kulturredaktionsleiterin beim Schweizer Radio DRS 2, spricht davon, dass Sprache durch Dichtung in einen anderen Energiezustand versetzt werde.

Die Konstanzer Kabarettistin und Regisseurin Hilde Schneider hat sich den Kabarett-Kollegen Werner Fink als Lesestoff mitgebracht, weil sie findet, dass dessen Texte wie die Energie etwas mit Widerstand zu tun hätten, also widerständig seien.
Der Ägyptologe Professor Dr. Jan Assmann schildert, die Ägypter seien überzeugt davon gewesen, dass die Laute ihrer Sprache voller Energie stecken.
Dr. Ulrich Raulff schließlich, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, hat sich ein Kapitel der Autobiografie von Henry Adams ausgesucht, das von der Weltausstellung in Paris handelt und vielsagende Bilder für die Transformation mechanischer Energie in geistige Energie liefert. Und der Moderator? Der Konstanzer Literaturwissenschaftler Professor Dr. Manfred Weinberg ist kein distanzierter Vermittler, sondern ein leidenschaftlicher Gesprächsteilnehmer.

Derweil auf der Insel Mainau: Quader aus Licht strahlen den Gästen entgegen, weit in die Nacht hinein sichtbar. Es sind die strahlend hell erleuchteten Pavillons der Ausstellung „Entdeckungen 2010: Energie“, welche die Besucher zu einem nächtlichen Erkundungsgang über die Insel animieren. In den Pavillons erwarten sie Luftkissenfahrräder und fliehkraftverstärkte Koffer, Energieanlagen der Solar- oder Windkraft oder auch Modellierungen einer künftigen Energieversorgung.
Währenddessen betreten die „Physikanten“ die Bühne des Schlossgartens und entfesseln eine geradezu magische Wissenschaftsshow um die Rätsel, was Wasserdampf-Fässer zum Implodieren bringt und was ein Schiff in der Luft schweben lässt. „Was ist passiert?“, ist die zentrale Frage der Comedy-Wissenschaftler, wenn sie ihre verblüffenden Wissenschaftstricks enthüllen, wie sie etwa Gemüse zum Leuchten bringen, Cola in einen zähen Brei verwandeln oder Styroporstangen wie durch Zauberhand verschwinden lassen.
Bis Mitternacht, wenn die ersten Klänge der Band „Magnesia“ ertönen, werden es schließlich hunderte von Gästen sein, die zur abschließenden Party auf die nächtliche Blumeninsel gekommen sind und gemeinsam in den Morgen nach der Nacht der Wissenschaft hineinfeiern.
